Maach et jot Andrea, Gedächtnis Reise

Maach et jot Andrea, Gedächtnis Reise

Maach et jot Andrea, Gedächtnis Reise

 

Start

Sonntag, 06.08.2017 den Walkman vollgepackt mit Liedern von Andrea „ das reicht für mehr als eine Nacht„ ging es ab Immendingen mit der deutschen Bahn los. Für spannende Momente dürfte alleine schon durch das Beförderungsunternehmens gesorgt sein. Richtung Offenburg, Essen, Recklinghausen diesmal ohne Zwischenfälle. „Wow, muss wohl am Anlass liegen“, denk ich für mich. Im Zug von Offenburg nach Essen im Abteil zwei Damen, Es sah aus wie Mutter und Tochter, die vermutete Mutter steig aber später in Köln aus und ließ die angenommene Tochter bis nach Essen weiterfahren, war wohl doch nicht so. Ein junges verliebtes Pärchen in Karlsruhe eingestiegen und die zwei Damen verbrachten die Fahrt weitestgehend schlafend, während ich wach blieb bei Musik von Andrea.
Nach dem dritten Mal „Sommer in Avignon“ waren wir in Frankfurt und standen eine halbe Stunde rum, Raucherpause.

Abfrage

Ursprünglich wollte ich schon am Freitag zur offiziellen Trauerfeier gehen oder sah mich viel mehr verpflichtet dazu. Durch die widersprüchlichen Angaben im Internet ging ich am Tag vorher mit Andrea in PSYCH-K Stellvertretung. Für die ich verwunderlicher weise oder für mich glücklicherweise nur bei ihr Erlaubnis bekomme. Frage ab: Dieter besucht mein Grab am Freitag? Antwort: Schwach=Nein,  ging die weiteren Tage durch, bei Montag kam, stark=Ja. Das wäre dann ja geklärt.

Angekommen in Recklinghausen, kurz vor 8 Uhr, mit Andrea Wetter, heißt Sonnenschein. Automatisch singe ich „Guten morgen Sonnenschein, schenk mir diesen Tag„ Der Begriff Sonnenschein, hat zwischenzeitlich zwei Bedeutungen.

Recklinghausen

Recklinghausen, noch nie auch nur in der Nähe gewesen, eigentlich eine Stadt wie Tuttlingen wo ich herkomme, viel Krach und Getöse wie überall. Alleine aber der Gedanke, „sie hat hier gelebt, dieselbe Luft geatmet wie ich jetzt“ macht die Stadt zu etwas ganz Besonderem. Ich sah einige Statuen und Denkmäler, die mich zu dieser Zeit noch überfordert hatten, sagte mir „Eigentlich hätte Andrea auch eines verdient, ein strahlendes, ein herzerwärmendes, ein liebevolles mit tausend Sternen drumherum“
Aber keine Zeit zum Träumen, Zentralfriedhof suchen!

Man vermutet ihn im Zentrum, was das Wort zentral eigentlich besagt. Nach einer halben Stunde Irrwanderung fiel mir Google Map ein, lieber hätte ich jemanden gefragt, um ihren Dialekt zu hören, lasse es aber, wollte keinen Andrea Tourismus Hype bei den Leuten auslösen und einfach kann ja schließlich jeder.
Bei der Wanderung ca. 5 km fand ich Gelegenheit darüber nachzudenken, ob der persönliche Kontakt nicht besser gewesen wäre, Andrea hätte sicher gefragt.
Nach 40 Minuten Power Walking war mein erstes Ziel erreicht.

Zentralfriedhof

Zentralfriedhof, riesengroß „zwei sorglose Vögel zwitschern im Wind“, ein paar Menschen schon am werkeln, quatschen, oder  eben trauern. Stellte mich emotional auf Ziel 2 ein, die Suche nach dem Grab. Dieses Mal fiel Google Map aus und fragen sowieso.
Seltsamerweise waren viele Gräber nicht beschriftet, anders als bei uns wo „Neuankömmlinge“ immer ein Holzkreuz bekommen bis der Grabstein fertig ist. „Es gibt sicher das eine Grab, mit einem Berg von Kränzen überflutet das müsste doch von weitem zu sehen sein oder es steht ein Pulk von Fans davor“ redete ich mir motivierend zu.

Abschied

Dann kam der richtungsweisende Gedanke, „Du kannst mich doch hinführen.“ Ging wieder in Stellvertretung mit Andrea. Fragte ab, „ich führe Dieter an mein Grab„ Antwort: Stark=Ja. „Danke Andrea, dann nichts wie los.“
Nach einigen Schritten sah ich den Kranzberg von weitem schon, es stand ein Mann davor. Ich wollte ihn nicht stören und wollte ebenfalls allein sein.
Die vielen Kränze sahen aus, als ob die letzten Tage der Himmel sehr geweint hatte, aber nirgends stand Andrea. In einer Steinplatte war Willy eingraviert. „So viele Kränze für Willy, fragte ich mich, na vielleicht auch ein großartiger Mensch, wie Andrea“
Ich verneigte mich vor dem Grab, hielt inne und  wie auch bei meinem Vater vor einpaar Jahren, kommt das Lied hoch von den Bläck Fööss

 

„Maach et jot, mer sin uns widder.
Maach et jot, un kumm jot rüvver.
Bestell dem Herrjott ’n schöne Jroß,
ov et wirklich nüdig wor,
dat de su früh jon mots.“

 

Ich singe im Stillen, verabschiedete mich und suchte weiter.
Irgendwann fing ich an mich mit dem Erreichten zufrieden zu geben, da die ersten Trauergäste sich für eine anstehende Bestattung  einfanden. „Ich war zumindest in der Nähe“, resignierte ich nun doch etwas enttäuscht.
Da fiel mir ein, ich ja bin immer noch mit Andrea verbunden. Fragte „Ich suche weiter mit Dieter nach dem Grab“ Antwort: Schwach=Nein.

Erkenntnis

Da kam im selben Augenblick der Gedanke „Ein neues Grab und schon eine Grabplatte? Schaute mir die Grabbilder aus dem Internet an und erkannte die Grabplatte „Willy“ wo Andreas Urne bei der Trauerfeier stand. Ich war doch an Andreas Grab. Frage sie dann „Ich gehe nochmal hin“ Antwort: Schwach=Nein. Löste dann die Stellvertretung auf.
Sie hatte mich doch hingeführt und ich hatte es erst später erkannt, genau so wie, als sie noch lebte in jenem Fall, zu spät.  Ich verabschiedete mich dann vom Friedhof und später von Recklinghausen, mit einer lärmenden Schulklasse im Zug. Per Walkman und Andrea ließ sich das Getöse wunderbar abstellen. Der Zufallsklick bringt „ unsere Zeit„  ja das war sie heute auf jeden Fall. Diese oder „unsere Zeit“ konnte man nicht besser als in „in der schönsten Stadt Deutschlands“ ausklingen lassen.

PSYCH-K

In Köln bekam ich per Mail von meiner PSYCH-K Ausbilderin, Micaela, die Antwort auf die Frage: Wie oft, wie lange und ob ich überhaupt mit Verstorbenen Seelen in Stellvertretung gehen kann. „ Du kannst so oft und lang in Stellvertretung gehen, wie du Erlaubnis von beiden Seiten erhältst und deine Absicht im höchsten
und besten Interesse für die Stellvertretende ist“.
Danke Micaela, danke PSYCH-K und vor allem danke Andrea.
Dann die Heimreise von einem emotionalen, ergreifenden und doch sehr schönen Tag, mit warmen Gefühlen.

Andrea fuhr im Herzen mit.